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Gipfeltreffen Kennedy - Chruschtschow

Weltpolitik in Wien, 3. und 4. Juni 1961


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Jackie Kennedy steigt in Wien aus dem Wagen aus.
© APA-IMAGES/IMAGNO/Barbara Pflaum
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John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow mit ihren Gattinnen Nina und Jacq ...
© APA-IMAGES/ORF Fernseharchiv/Schikola
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Adolf Schärf fungiert als Vermittler zwischen den verhärteten Fronten des ...
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Eine Annäherung mit Jackie Kennedy fiel dem sowjetischen Ministerpräsident ...
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John F. Kennedy mit Nina Cruschtschowa - dahinter die zahlreichen Zeitzeug ...
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Anfang Juni 1961 hat die Welt nach Wien geblickt: Die Stadt erlebte ein zweitägiges Gipfeltreffen der beiden mächtigen Protagonisten des Kalten Krieges, des Sowjet-Führers Nikita Chruschtschow und des US-Präsidenten John F. Kennedy. Die "Prawda", das Zentralorgan des Zentralkomitees der KPdSU (Kommunistische Partei der Sowjetunion), beschrieb mit viel ideologischem Pathos, aber doch treffend, welch zwei unterschiedliche Charaktere und Temperamente am 3. und 4. Juni 1961 in Wien erstmals aufeinander getroffen waren: "Bei dem einen handelt es sich um den Sohn eines Arbeiters, der selbst Arbeiter ist, um einen im Kampf hart gewordenen Revolutionär, einen überzeugten Kommunisten, einen unbeirrbaren Kämpfer für den Frieden und die Freundschaft unter den Völkern, um den führenden Mann des mächtigsten sozialistischen Staates. Bei dem anderen handelt es sich um den Sohn eines Millionärs, der selbst Millionär ist, um einen hingebungsvollen Katholiken, der die Ideen seiner Klasse voll vertritt, um einen Vertreter der Politik des größten Landes der kapitalistischen Welt." Das nach außen hin freundliche Treffen endete ohne Ergebnis. Die USA lehnten Chruschtschows Forderung nach Abzug der Westmächte aus West-Berlin ab.

POLITISCHE RAHMENBEDINGUNGEN

Die politischen Rahmenbedingungen des Treffens zwischen dem frisch gewählten Kennedy und dem sowjetischen Staats- und Parteichef Nikita Chruschtschow waren denkbar ungünstig. Der "Kalte Krieg" zwischen dem Ostblock unter der Führung der UdSSR (Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken) und den Westmächten mit den USA an der Spitze befand sich in einer seiner heißesten Phasen. Über die atomare Abrüstung war kein Konsens in Sicht. Verhandlungen über einen Atomteststopp in Genf waren in eine Sackgasse geraten. Auch in der Führungsfrage der Vereinten Nationen, unter deren Ägide die Ost-West-Entspannung zu Stande kommen sollte, konnte kein Kompromiss erzielt werden. Der Konflikt um Nachkriegsdeutschland, das in die Bundesrepublik und die von der Sowjetunion kontrollierte Deutsche Demokratische Republik (DDR) geteilt war, drohte zu eskalieren. Durch einen von den Ostmächten angedrohten separaten Friedensvertrag mit der DDR hätten die westlichen Alliierten das Recht auf den Zugang nach Westberlin verloren. Man befürchtete eine neuerliche Berlin-Blockade. Auch in Laos bot der seit der Unabhängigkeit des Staates 1954 schwelende Machtkampf zwischen Nationalisten und westlich orientierten Kräften auf der einen Seite und den von Nordvietnam und China unterstützten Kommunisten, die auch über eine Guerilla verfügten, genügend Konfliktpotenzial zwischen den Supermächten. Die Laos-Konferenz in Genf trat auf der Stelle. Schließlich belastete der Konflikt um Kuba die Beziehungen der beiden Supermächte. Kurz vor dem Gipfel, am 17. April 1961, hatten 1.500 Exilkubaner versucht, das kommunistische Castro-Regime zu stürzen. Mit logistischer Unterstützung der USA landeten sie in der Schweinebucht im Süden Kubas. Die Aktion scheiterte kläglich. Das Schweinebucht-Fiasko schwächte in den Augen von politischen Beobachtern die amerikanische Position beim Gipfel. Die Sowjets andererseits strotzten wegen ihrer Weltraum-Erfolge vor Selbstvertrauen.

ERGEBNISSE UND SCHLUSSFOLGERUNGEN

Unter diesen Vorzeichen ging man vor allem auf amerikanischer Seite mit geringen Erwartungen in das Treffen. Nicht mehr als eine erste "Fühlungnahme" zwischen den beiden Staatschefs sollte der Gipfel in Wien werden. Dementsprechend mager fielen die Ergebnisse und Schlussfolgerungen aus. In einem dürren Kommunique, das nur 125 Worte zählte, wurde einzig und allein in der Laos-Frage eine gemeinsame Position formuliert. Die ehemalige französische Kolonie solle unabhängig sein und einen neutralen Status erhalten. Ansonsten beschränkten sich Kennedy und Chruschtschow darauf, einander ihre schon bekannten Positionen darzulegen. Im Westen wurde es schon als Erfolg gewertet, dass der Gipfel in einer durchwegs freundlichen Atmosphäre verlaufen war und nicht vorzeitig in einem Eklat geendet hatte wie der Gipfel in Paris 1960.. Diesen hatte Chruschtschow platzen lassen, als der damalige US- Präsident Dwight D. Eisenhower ein Ultimatum nicht akzeptieren wollte. Dass die allgemeine Erleichterung über den Ausgang des Treffens aber unbegründet war und der Gipfel nicht zu einer nachhaltigen Entspannung zwischen Ost und West beitragen konnte, zeigten die Ereignisse der folgenden Monate und Jahre: Im August 1961 begann die Führung der DDR mit dem Bau der Berliner Mauer, welche die Stadt für Jahrzehnte teilte. Ebenfalls noch im Jahr des Gipfels scheiterten die Bemühungen um einen Atomteststopp. Die USA und die Sowjetunion beendeten ihr Moratorium und nahmen ihr Atomtestprogramm wieder auf. 1962 schließlich schrammte die Welt im Verlauf der Kuba-Krise nur knapp an einem Atomkrieg vorbei. Auch Indochina blieb brandgefährlich, wie der Vietnamkrieg zeigen sollte.

PRESSESTIMMEN

Die nationalen und internationalen Kommentatoren bewerteten den Gipfel verhalten optimistisch. Hugo Portisch, damals Chefredakteur des "Kurier", stellte fest, dass eine friedliche Koexistenz zwischen Ost und West möglich sei, wenn man die Einflusssphären des jeweils anderen respektiere. Die "New York Times" freute sich, dass das Gipfelergebnis "etwas besser als erwartet" sei. Und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" lobte die "Standfestigkeit" des jungen Kennedy in der Berlin-Frage. Die "Prawda" schrieb von einem "guten Auftakt", der die friedliebenden Menschen "mit neuer Hoffnung erfüllt". Einzig die Londoner "Times" betonte - Bezug nehmend auf die im "lakonisch kurzen Kommunique" verwendete Formulierung "nützliche Besprechungen" - das sachlich ernüchternde Ergebnis des Gipfels: "Nützlich ist ein ärmliches und farbloses Wort."

GIPFELVORBEREITUNGEN UND SICHERHEITSVORKEHRUNGEN

Österreich und Wien konnten sich durch den Gipfel hohe Reputation als Austragungsstätten internationaler Gipfel und Konferenzen erwerben. Zu Recht freute sich Außenminister Bruno Kreisky in einem Resümee über das gewonnene internationale Ansehen und eine "Aufwertung des Begriffs der österreichischen Neutralität". Die Gipfelvorbereitungen und Sicherheitsvorkehrungen erfuhren durchwegs Anerkennung. Insbesondere das Pressezentrum in der Hofburg und die Journalistenunterkünfte in der Fasangartenkaserne für 1.500 akkreditierte Medienvertreter wurden hoch gelobt. Mehr als 5.000 Polizei- und Gendarmeriebeamte waren für den Gipfel abgestellt.

WEG ZUM GIPFEL

Dass die Vorbereitungen reibungslos verliefen, ist umso bemerkenswerter, als erst Mitte Mai die Entscheidung für ein Gipfeltreffen und für Wien als Austragungsort gefallen war. Auf dem Weg zum Gipfel traf Kennedy in Paris den französischen Präsidenten Charles de Gaulle, während Chruschtschow auf einer einwöchigen Zugfahrt von Moskau nach Wien in Pressburg für ein Treffen mit dem Staatspräsidenten der Tschechoslowakei, Antonin Novotny, Station machte..

VERLAUF DES GIPFELS

Am Freitag, den 2. Juni, traf Chruschtschow am Wiener Südostbahnhof ein, wo er von Bundespräsident Adolf Schärf empfangen wurde. Kennedy traf erst am Morgen des 3. Juni am Flughafen Schwechat ein. Auf seinem Weg in die Stadt standen rund 100.000 Schaulustige Spalier. Der Verlauf des Gipfels gestaltete sich organisatorisch reibungslos. Am Samstag fanden die Beratungen in der amerikanischen Botschaft statt, am Sonntag in der sowjetischen. Gesellschaftlicher Höhepunkt des Gipfels war am Samstagabend das Diner, das Bundespräsident Schärf zu Ehren der beiden Delegationen im Schloss Schönbrunn gab. Am Sonntagmorgen besuchten der US-Präsident und seine Gattin Jacqueline "Jackie" Kennedy die Heilige Messe im Stephansdom, die von Kardinal Franz König gelesen wurde.

DAMENPROGRAMM

Große Aufmerksamkeit fand auch das Damenprogramm. Vor allem die öffentlichen Auftritte der beliebten Jackie Kennedy wurden von tausenden Schaulustigen stürmisch beklatscht. Unter anderem besuchte sie die Porzellanmanufaktur Augarten und die Spanische Hofreitschule. Die Gattin von Nikita Chruschtschow, Nina Chruschtschowa, wohnte gemeinsam mit Rose Kennedy, der Mutter des US-Präsidenten, einem Konzert der Philharmoniker unter der Leitung von Herbert von Karajan bei. Höhepunkt des Damenprogramms war ein gemeinsames Mittagessen von Jackie und Nina im Palais Pallavicini.

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