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18.10.1965 / Meldungs-Nr.: AHI0073 / Ressort: Innenpolitik (II) Seite $page.NUMBER / $page.COUNT      

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i 37 - kümel-prozess 1 wien, 18.10. (apa) in einer für eine woche anberaumten prozess, der heute vor einem wiener schöffengericht (vorsitz olgr dr. =

 
i 37 - kümel-prozess 1
wien, 18.10. (apa) in einer für eine woche anberaumten prozess,
der heute vor einem wiener schöffengericht (vorsitz olgr dr.
gleissner, staatsanwalt dr. schmieger) im grossen schwurgerichtssaal
des "grauen hauses" begann, hat sich der 25jährige student
günther kümel wegen verbrechens des totschlages zu verantworten.
er wird beschuldigt, anlässlich der demonstration der
österreichischen widerstandsbewegung am 31. märz 1965 gegen den
hochschulprofessor dr. borodajkewycz, als gegendemonstrant den
67jährigen widerstandskämpfer ernst kirchweger durch einen
faustschlag niedergeschlagen zu haben. kirchweger stürzte so
unglücklich, dass er schwere schädelverletzungen erlitt, denen
er zwei tage später erlag.
wie die anklage berichtet, ist der beschuldigte in teheran
geboren, wo sein vater als ingenieur tätig war. während des
krieges wurde der vater interniert, die mutter konnte mit ihren
kindern ausreisen. kümel besuchte das realgymnasium, maturiert
und begann schliesslich jus zu studieren.
der angeklagte nahm eine extremistische politische haltung
ein und betätigte sich auch aktiv in dieser richtung. er kam deshalb
mehrmals mit dem gesetz in konflikt. so beteiligte er sich
im juli 1957 an den schmieraktionen des "bundes heimattreuer
jugend". dieser bund wurde zwei jahre später vom innenministerium
aufgelöst. gegen kümel wurde damals eine anzeige erstattet, doch
erfolgte keine verurteilung.
im oktober 1958 wurde er verurteilt, weil er den maiaufmarsch
der sozialisten störte, indem er stinkbomben warf. im jahr 1960
war kümel angeklagt, weil er in einem gasthaus nationalsozialistische
und antisemitsche bemerkungen äusserte. damals wurde
kümel psychiatriert. da ihm bescheinigt wurde, dass ihm die notwendgie
geistige reife fehle, wurde das verfahren gegen ihn eingestellt.
im jahre 1961 stand er wegen teilnahme an sprengstoffanschlägen
mit ns-manifestationen, in der die österreichische
widerstandskämpfer geschmäht sowie hitler und dessen regime verherrlicht
wurde,vor gericht. in diesem strafverfahren erfuhr man
auch, dass kümel seinen weihnachtsbaum mit zuckerwerk in hakenkreuzform
geschmückt hatte. der angeklagte wurde damals jedoch
von den geschworenen nur des verbotenen waffenbesitzes schuldig
erkannt und zu zehn monaten strengen arrestes verurteilt. diese
strafe verbüsste er.
nach seiner entlassung wechselte er sein studiengebiet und
studierte chemie. der angeklagte behauptet, sich seit dieser
zeit nicht mehr politisch betätigt zu haben und politisch überhaupt
nicht in erscheinung getreten zu sein. dazu bemerkt die
staatsanwaltschaft, zeugen hätten erklärt, kümel habe die
haltung der studentenschaft bei innenpolitischen geschehen als zu
"lau" kritisiert.(forts.)+pr++

 

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